Vacation

Man glaubt ja immer, man erinnere sich später an die großen Dinge eines Sommers. An die Orte, an Pläne, an das, was man unternommen hat. Tatsächlich bleiben oft andere Bilder. Vacation folgt über mehrere Jahre hinweg Momenten im Vorübergehen – einer Zeit, in der der Alltag kurz pausiert und Erinnerungen fast unbemerkt entstehen.

Als Kind bin ich mit meinen Eltern oft nach Italien ans Meer gefahren. Ich erinnere mich nicht an alles, aber an einiges sehr genau. An den Geruch von Sonnencreme und warmem Plastik aus aufblasbaren Luftmatratzen. An das Salz auf der Haut. Und an dieses merkwürdige Gefühl, dass Zeit im Sommer eine andere Geschwindigkeit hatte. Sie lief langsamer, aber zugleich passierte ständig etwas.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Kern des Urlaubs: dass man plötzlich Zeit hat für Dinge, die im Alltag kaum vorkommen. Für das Herumsitzen zum Beispiel. Für das Schauen. Für das Nichtstun, das man sonst gern unterschätzt. Als Kind konnte man das sehr gut. Später muss man es erst wieder lernen.

Familie am Parkplatz
Hafenanlage vor der Fähranlegestelle

Viele Jahre später fährt man selbst in den Süden. Mit der eigenen Familie. Mit Freunden. Die Orte wechseln, manchmal sind es kleine Häuser, manchmal Hotels, manchmal Orte, die man vorher nur auf einer Karte gesehen hat. Aber bestimmte Dinge wiederholen sich erstaunlich zuverlässig. Die Hitze am Nachmittag. Der Geruch von Meer und Poolwasser. Das Geräusch von Geschirr aus offenen Küchen. Stimmen, die über Terrassen hinweggetragen werden.

Nach ein paar Tagen entsteht ein eigener Rhythmus. Kinder verschwinden irgendwo im Gelände, tauchen wieder auf, springen ins Wasser, trocknen in der Sonne und springen erneut hinein. Erwachsene sitzen herum und behaupten, sie müssten eigentlich etwas tun, tun es dann aber doch nicht. Nichtstun bekommt plötzlich eine Qualität, die man im normalen Leben kaum kennt.

Die Serie Vacation ist deshalb keine Sammlung von Reisebildern. Sie ist eher der Versuch, diesen Zustand festzuhalten. Eine bestimmte Zeit im Jahr, in der mehrere Familien für ein paar Wochen zusammenkommen. Immer wieder dieselben Menschen, immer wieder Kinder, die von Jahr zu Jahr größer werden und sich dabei ein wenig verändern, ohne dass man genau sagen könnte wann.

Die Idee dazu reicht weit zurück. Vor mehr als dreißig Jahren habe ich in Dublin die Ausstellung Immediate Family von Sally Mann gesehen. Zum ersten Mal verstand ich dort, dass Familienfotografie mehr sein kann als eine Sammlung von Erinnerungen für das private Album. Dass sie auch etwas erzählen kann über Nähe, über Vertrauen und über die kleinen Momente, die sonst leicht übersehen werden.

Seitdem interessiert mich genau das: diese scheinbar nebensächlichen Augenblicke. Ein Blick, ein Sprung ins Wasser, ein kurzer Moment zwischen zwei Gesprächen. Dinge, die im Alltag kaum auffallen, aber im Rückblick plötzlich wichtig werden.

Die Bilder dieser Serie entstehen über mehrere Sommer hinweg. Immer wieder mit denselben zwei oder drei Familien. Mit Kindern, die sich verändern, während die Erwachsenen langsam merken, dass auch sie selbst nicht ganz dieselben bleiben.

Die Fotos sind bewusst überzeichnet. Der Blitz ist kein technischer Zufall, sondern bewußtes Stilmittel. Er hebt Momente hervor, macht sie plakativer. Der Blitz macht Augenblicke sichtbarer, ein wenig lauter, als sie in Wirklichkeit waren. Erinnerung funktioniert ähnlich. Auch sie übertreibt manchmal, lassen Farben stärker werden und Momente klarer erscheinen, als sie ursprünglich waren.

Und so bleibt am Ende etwas, das sich schwer benennen lässt.

Ein paar Wochen im Jahr, in denen sich Tage ausdehnen, Abende länger werden und Kinder sich frei bewegen können. Erwachsene schauen ihnen dabei zu und merken vielleicht, dass genau darin eine seltene Form von Glück liegt.

Wenn man das Wort Urlaub weglässt, bleibt etwas anderes übrig.

Eine verdichtete Zeit intensiven Lebens.