Belichtung – Blende, Zeit und ISO verstehen

Als Schüler war ich drei Wochen ohne Eltern in Amerika – die alte analoge Minolta meines Vaters im Gepäck. Keine Ahnung von Blende, Zeit oder ISO. Irgendwann hatte sich der ISO-Wert verstellt und die Kamera zeigte Werte an die unmöglich stimmen konnten. Also habe ich geraten.

Damals war alles analog – kein Display, kein sofortiges Feedback. Man hat den Film eingeschickt und Tage später gesehen was man hatte. Die Ausbeute war entsprechend (gering).

Heute macht die Automatik vieles richtig. Aber wer nur auf Automatik fotografiert überlässt der Kamera die Entscheidung über sein Bild. Wer versteht was hinter Blende, Zeit und ISO steckt, kann mit diesen Parametern spielen – und fängt an, wirklich zu gestalten statt nur auszulösen.

Das Dreieck der Belichtung

Damit in einer Kamera ein Bild entsteht müssen immer drei Faktoren zusammenspielen – egal ob Spiegelreflexkamera, Systemkamera oder Smartphone. Licht trifft auf einen Sensor. Wie viel Licht, wie lange, und wie empfindlich der Sensor darauf reagiert – das bestimmen Blende, Verschlusszeit und ISO.

Das Licht geht durch eine Öffnung (Objektiv) durch eine Blende (1). Diese Blende ist so gestaltet, dass sie mal größer und mal kleiner sein kann, das kann der Fotograf selbst bestimmen. Der Verschluss (2) lässt für eine bestimmte Zeit das Licht auf den (3) Sensor fallen. Der Sensor wiederum kann so eingestellt werden, dass er mal besser und mal schlechter ’sieht‘.

Alle drei hängen voneinander ab. Verändert man einen Wert, müssen die anderen beiden angepasst werden. Das klingt komplizierter als es ist.

Blende – die Größe der Öffnung

Die Blende sitzt im Objektiv und funktioniert wie die Pupille des Auges – sie regelt wie viel Licht hindurch kommt. Eine weit geöffnete Blende lässt viel Licht durch, eine kleine Öffnung entsprechend wenig.

Die Blendenöffnung wird mit dem Buchstaben f angegeben – zum Beispiel f/2.8 oder f/11. Das f steht dabei für den Quotienten aus Brennweite und Öffnungsdurchmesser. Im Sprachgebrauch ist damit schlicht die Blendenöffnung gemeint – und das reicht für den Anfang vollständig aus.

Schematische Darstellung Blende

Blendenstufen: Je niedriger der Blendenwert um so weiter ist die Blende geöffnet – je höher der Blendenwert um so kleiner ist die Blendenöffnung.

Was zunächst verwirrt: Eine kleine Zahl bedeutet eine große Öffnung, eine große Zahl eine kleine Öffnung.

  • f/1.8 oder f/2.8 → Blende weit offen → viel Licht
  • f/11 oder f/16 → Blende weit geschlossen → wenig Licht

Die Blendenstufen sind dabei nicht willkürlich gewählt. Von Stufe zu Stufe halbiert oder verdoppelt sich die durchgelassene Lichtmenge. f/5.6 lässt doppelt so viel Licht durch wie f/8 – und halb so viel wie f/4.

Die Blende hat aber noch eine zweite Wirkung die über die reine Lichtmenge hinausgeht: Sie bestimmt die Schärfentiefe – also wie viel des Bildes scharf ist. Dazu mehr im Artikel über das Gestalten mit der Blende.

Verschlusszeit – wie lange Licht auf den Sensor fällt

Der Verschluss öffnet sich beim Auslösen und schließt sich nach einer vorher festgelegten Zeit wieder. Diese Zeitspanne bestimmt wie lange Licht auf den Sensor treffen kann.

Stell dir den Sensor wie ein Glas vor das Licht auffängt. Die Verschlusszeit ist die Dauer in der Licht ins Glas tropfen kann. Bei gleich bleibendem Lichteinfall sammelt eine lange Belichtungszeit mehr Licht als eine kurze.

Belichtungszeit: wie lange Licht auf den Sensor fallen kann – je länger um so mehr Licht wird ‚gesammelt‘.

Verschlusszeiten werden in Sekunden oder Sekundenbruchteilen angegeben:

  • 1/1000s → sehr kurze Belichtungszeit → bewegt sich schnell, wird eingefroren
  • 1/60s → mittlere Belichtungszeit → Grenzbereich für Bewegungsschärfe aus der Hand
  • 1s oder länger → lange Belichtungszeit → Bewegungen verschwimmen, Lichtspuren entstehen

Auch die Verschlusszeit ist mehr als nur ein Belichtungswerkzeug – sie ist ein Gestaltungsmittel. Fließendes Wasser das zu Seide wird, Autolichter die Streifen ziehen, oder ein springender Sportler der messerscharf eingefroren ist: Das alles ist eine Frage der Verschlusszeit. Mehr dazu im Artikel über das Gestalten mit der Verschlusszeit.

Das Zusammenspiel von Blende und Zeit

Wirklich spannend wird es wenn beide zusammenkommen. Blende und Zeit bedingen einander.

Abhäbgigkeit von Zeit und Blende

Abhängigkeit von Blende und Zeit (Belichtungszeit)

Wenn eine bestimmte Lichtmenge für eine korrekte Belichtung nötig ist, gibt es dafür immer mehrere Kombinationen die zum gleichen Ergebnis führen:

  • f/4 bei 1/125s
  • f/5.6 bei 1/60s
  • f/8 bei 1/30s

Alle drei Kombinationen liefern dieselbe Gesamtbelichtung – aber ein völlig anderes Bild. Die erste mit offener Blende und kurzer Zeit, die letzte mit kleiner Blende und langer Zeit. Was sich unterscheidet ist die Schärfentiefe und ob Bewegung eingefroren oder sichtbar gemacht wird.

Genau hier beginnt die eigentliche Gestaltung.

ISO – die Empfindlichkeit des Sensors

Der dritte Parameter im Bund ist die ISO-Empfindlichkeit. Sie bestimmt wie sensibel der Sensor auf Licht reagiert.

In der Analogfotografie war das der Film. Ein ISO 100 Film brauchte viel Licht – ideal für sonnige Tage. Ein ISO 400 Film war empfindlicher – besser für bedeckten Himmel oder Innenräume. Hatte man sich einmal für einen Film entschieden, war man für alle 36 Bilder daran gebunden.

Schematische Darstellung von ISO

ISO Wert: Je kleiner der ISO Wert ist, umso mehr Licht benötigt der Sensor. Wird der Wert erhöht steigt die Empfindlichkeit, aber der Dynamikumfang sinkt und es kommt zu einem stärkeren Bildrauschen.

Digital lässt sich der ISO-Wert für jedes einzelne Bild neu festlegen. Das ist ein enormer Vorteil.

  • ISO 100–400 → niedrige Empfindlichkeit, maximale Bildqualität
  • ISO 1600–3200 → mittlere Empfindlichkeit, leichtes Bildrauschen
  • ISO 6400 und höher → hohe Empfindlichkeit, deutliches Rauschen, reduzierter Dynamikumfang

Die Faustregel: So niedrig wie möglich, so hoch wie nötig. Rauschen lässt sich bis zu einem gewissen Grad in der Nachbearbeitung reduzieren – aber es ist immer besser es gar nicht erst entstehen zu lassen.

Das menschliche Auge macht übrigens etwas ähnliches. Wenn man aus dem hellen Tageslicht in einen dunklen Raum kommt, braucht das Auge einen Moment um sich anzupassen – die Empfindlichkeit wird sozusagen neu kalibriert.

Alle drei zusammen

Blende, Zeit und ISO sind nie unabhängig voneinander. Verändert man einen Wert, muss mindestens ein anderer angepasst werden damit die Belichtung stimmt.

Schematische Darstellung von Zeit - Blende und ISO

Blende, Zeit und ISO-Wert sind von einander abhängig. Wird ein Wert verändert, muss mindestens ein weiterer Wert korrigiert werden.

Ein Beispiel: Man fotografiert bei f/4, 1/125s und ISO 400 – die Belichtung ist perfekt. Jetzt soll eine schnellere Verschlusszeit her um eine Bewegung einzufrieren – 1/500s statt 1/125s. Das ist drei Stufen schneller, also drei Stufen weniger Licht. Ausgleichen kann man das durch:

  • Blende öffnen: von f/4 auf f/2
  • ISO erhöhen: von ISO 400 auf ISO 3200
  • Oder eine Kombination aus beidem

Es gibt keine eine richtige Antwort – nur die Antwort die zum Bild passt das man machen will.

Übung

Schnapp dir die Kamera und such dir ein beliebiges Motiv – am besten eines mit Bewegung oder wechselndem Licht.

  1. Stelle die Kamera auf manuell (M)
  2. Deaktiviere die ISO-Automatik – wähle einen festen Wert, z.B. ISO 200
  3. Stelle die Blende auf f/8 und belichte so lange bis das Bild korrekt ist
  4. Erhöhe den ISO-Wert auf 1600 – was musst du an Blende oder Zeit verändern damit die Belichtung wieder stimmt?
  5. Wiederhole das in verschiedenen Lichtsituationen – drinnen, draußen, Dämmerung

Das Ziel ist nicht das perfekte Bild. Das Ziel ist dass du irgendwann nicht mehr nachdenkst – sondern intuitiv weißt an welchem Regler du drehen musst.

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