Klosterleben – St. Bonifaz in München 2000

Eine fremde Welt mitten in der Stadt

Meine erste Idee war Tansania. Ein Gehörlosenheim, fremde Welt, weit weg. Für meine Abschlussarbeit im Studium Fotodesign suchte ich ein Thema das weit genug weg war vom eigenen Alltag – nur dann, dachte ich, wird es interessant. Tansania ließ sich nicht realisieren. Also schaute ich weiter.

Messe in St. Bonifaz in München

Ein Kloster in München. Ich weiß heute nicht mehr genau warum ausgerechnet das mein zweiter Gedanke war. Exotisch war es jedenfalls – das war es damals und das ist es heute noch. Und die Anreise war etwas unkomplizierter.

Ich klopfte also an. Und sie machten auf.

Drinnen atmet alles schwer nach alten Traditionen. Dunkles Holz, hohe Räume, überall schwere Holzkreuze.
In der Klausur haben nur Mitglieder des Ordens Zutritt.

Das Kloster St. Bonifaz liegt zwischen Königsplatz und Hauptbahnhof, Rücken an Rücken mit der Staatlichen Antikensammlung. König Ludwig I. hatte das so gewollt: Religion, Wissenschaft und Kunst als harmonischen Dreiklang in Stein. Die Basilika die er 1835 in Auftrag gab war eine der bedeutendsten ihrer Zeit. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie durch Brand- und Sprengbomben nahezu völlig zerstört. Nur das hintere Drittel blieb erhalten. Die Mönche bauten es wieder auf und beschränkten sich auf dieses Drittel. Es ist genug.

Die Stiftsbibliothek der Abtei St. Bonifaz – eine der größten wissenschaftlichen Privatbibliotheken Bayerns. Über 250.000 Bände, viele davon Nachkriegsbestand.
Der Mann der weiß wo was steht. In einer Bibliothek dieser Größe ist das keine Kleinigkeit.
Das Gedächtnis der Bibliothek – noch analog, noch handgeschrieben. Jedes Buch hat seine Karte. Jede Karte ihren Platz.
Über 250.000 Bände, eine der größten wissenschaftlichen Privatbibliotheken Bayerns. Die Schwerpunkte: Theologie, Kirchengeschichte, Monastische Geschichte, Philosophie, Liturgiewissenschaft und Bavarica.

Drinnen atmet alles schwer nach alten Traditionen. Dunkles Holz, hohe Räume, überall schwere Holzkreuze. Und dann die Bibliothek: alle Wände bis unter die Decke voll mit Büchern in kunstvollen alten Regalen, Bände die aussehen als hätte sie seit Jahrhunderten niemand angefasst. Mittendrin zwei Computer. Im Jahr 2000 war das eine kleine Sensation – ich hatte es in einem Ort der so auf alte Traditionen setzt nicht erwartet. Aber die Zeit geht auch an einem Kloster nicht vorbei.

Essensausgabe für Menschen die auf der Straße leben

Neben dem klösterlichen Leben hatte St. Bonifaz schon damals eine zweite Aufgabe. Im Kloster selbst – Kleiderkammer, eine Arztpraxis, eine Essensausgabe – kümmerten sich die Mönche um Menschen von der Straße. Frater Emmanuel Rotter hatte das aufgebaut, Stück für Stück. Als ich 2000 dort fotografierte, entstand gerade das Haneberghaus nebenan, ein eigenes Gebäude für die Obdachlosenhilfe. Damals noch Rohbau.

Noch eine Baustelle, aber schon ein Jahr später, 2001, wurde das Haneberghaus eröffnet – benannt nach dem zweiten Abt von St. Bonifaz, Daniel Bonifaz Haneberg. Träger ist heute der Verein Mit-Menschlichkeit e.V., gegründet und geleitet von Frater Emmanuel Rotter. Bis zu 450 Menschen kommen täglich. Damals war das alles noch eine Baustelle.

Ora et Labora

Die Mönche die dort leben folgen der Benediktinerregel. Ora et Labora – bete und arbeite. Der Tag beginnt mit der Vigil, der Nachtwache, noch bevor München aufwacht. Dann die Laudes, das Morgenlob. Viermal täglich das Chorgebet. Dazwischen Arbeit, Lesung, Stille. Jeder weiß wo sein Platz ist. Niemand muss lange überlegen was als nächstes kommt.

Mir wurde bei meiner Ankunft freundlich erklärt wie das alles funktioniert. Es stehe mir frei, an den Gebeten teilzunehmen oder nicht. Ich wurde als Gast behandelt und bemühte mich, mich wie einer zu benehmen. Morgens um halb sechs aufstehen war dabei das Anspruchsvollste.

Vor dem gemeinsamen Essen wird Gebetet

Was das Klosterleben sonst noch bedeutet, merkt man spätestens beim Mittagessen. Alle sitzen in einem großen Saal an einem U-förmigen Tisch. Vor dem Essen wird gebetet. Dann Stille. Das Essen wird schweigend eingenommen, ein Ordensbruder geht herum und bedient seine Brüder, ein anderer liest aus der Bibel. Das Besteck klingt. Sonst nichts. Draußen fährt die Tram vorbei. Man vergisst es schnell.

Die Menschen

An der Spitze des Konvents stand Abt Odilo – ein ruhiger, zugewandter Mann, der einem angehenden Atheisten mit einer Kamera genauso offen begegnete wie seinen Ordensbrüdern. Ich begleitete ihn zu einer Firmung außerhalb von München. Er fuhr ganz selbstverständlich mit der S-Bahn und nah sich viel Zeit für die Menschen die Ihm begegneten.

Abt Odilo Lechner auf dem Weg zu einem Termin
Abt Odilo Lechner fährt wann immer es geht mit den Öffentlichen
Vorbereitung in der Sakristei

Frater Emmanuel war der Mann hinter der Obdachlosenhilfe. Ich war bei einem Beratungsgespräch dabei das er führte. Er hörte zu. Wirklich zu. So als wäre die Person vor ihm die einzige auf der Welt.

Frater Emmanuel
Beratungsgespräch für Menschen in Notlagen

Einen Vormittag half ich bei der Essensausgabe. Das Essen kam aus der Klosterküche, vermutlich dasselbe wie das der Mönche. Die Menschen die kamen waren verschieden. Einer der Ordensbrüder erzählte mir abends von einzelnen Schicksalen. Letztes Jahr noch Arzt, Anwalt, ein angesehener Mensch. Dann ein Schicksalsschlag, noch einer. Und nun stand er hier an und wartete auf sein Essen.

25 Jahre später

Das Haneberghaus steht längst fertig. Heute versorgt St. Bonifaz täglich bis zu 250 Menschen. Frater Emmanuel hat dafür das Bundesverdienstkreuz bekommen. Die Computer in der Bibliothek sind vermutlich neueren Datums. Die schweren Holzkreuze hängen ganz bestimmt immer noch.

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