
FridaysforFuture Demonstration am 28. Juni 2019 in München. Die Auftakt Kundgebung findet auf dem Max-Joseph-Platz vor der Staatsoper statt. (Foto: Thomas Vonier)
Ein Freitag 2019. Schülerinnen und Schüler, die eigentlich in der Schule sitzen müssten, stehen mit selbstgemalten Schildern auf der Straße. Es ist Fridays for Future die zum Klimastreik aufgerufen haben. Vor der Oper wird getanzt, „Hoch mit dem Klimaschutz, runter mit der Kohle". Es ist bunt, optimistisch, fast euphorisch. Die Forderung ist einfach: Hört auf die Wissenschaft. Dahinter steht der Glaube, dass es jetzt reichen müsse: Liegen die Fakten erst offen auf dem Tisch, würde die Politik schon umdenken.

Und eine Weile sieht es so aus, als könnte das gelingen. Jeden Freitag kommen Hunderte zusammen, manchmal Tausende, bei den globalen Klimastreiks sind es noch viel mehr. Die Straßen sind voll. Eine ganze Generation fürchtet um ihre Zukunft und glaubt, dass laute, gut gelaunte Demonstrationen genügen, um gehört zu werden.


München 16. August 2019 - FridaysforFuture Demo auf dem Marienplatz mit Abschlussveranstaltung auf dem Geschwister Schollplatz (Foto: Thomas Vonier)

München, 21 Juli 2019 - Am Sonntag demonstrieren über 10.000 Menschen auf der MunichforFuture Demonstration für Klimaschutz und Ausstieg aus der Kohle. (Foto: Thomas Vonier)
Doch der große Umschwung bleibt aus. Die teile der Gesellschaft haben die Botschaft verstanden; die Politik hört lieber auf jene, die warnen, Klimaschutz koste zu viel und schade der Wirtschaft. Doch ist Aufmerksamkeit ist ein flüchtiges Gut. Nach den großen erfolgreichen Streiks von 2019 wandert der Blick der Öffentlichkeit weiter, andere Schlagzeilen drängen nach vorn. Wer gehört werden will, muss lauter werden.

In München findet die Auftaktveranstaltung am Königsplatz statt. Laut Veranstalter sind es ca. 60.000 Teilnemer.
Eine junge Frau mit weiß geschminkten Gesicht und im Kostüm der Red Rebel hebt den Schleier und schaut mit ausdruckslosen Blick gerade aus.
Solange die Protagonisten auf der Straße unterwegs sind bleiben sie in ihrer Rolle. Ein Red Rebel vermeidet Augenkontakt und spricht nicht. So wandern sie durch die Menge und erwecken durch ihre leuchtend roten Gewänder und den starren weißen Gesichtern große Aufmerksamkeit bei den Pasanten.
(Foto: Thomas Vonier)
Hier kommt Extinction Rebellion ins Spiel. Die Bewegung entstand 2018 in Großbritannien, bewusst strategisch aufgebaut und dezentral organisiert: autonome Gruppen, die in vielen Städten zugleich aktiv werden. Ihre Forderungen sind einfach und klar: Sagt die Wahrheit über die Klimakrise , Handelt sofort und gründet Bürgerräte. Ihr Mittel ist der zivile Ungehorsam. In München legen sie sich auf den Marienplatz, in Berlin besetzen sie den Großen Stern. Entscheidend ist die Gewaltfreiheit. Niemand vermummt sich niemand wehrt sich. Man steht mit dem eigenen Gesicht zu dem, was man tut, und nimmt die Folgen in Kauf; Anzeigen, Platzverweise, das Weggetragenwerden durch die Polizei gehören zur Aktion dazu. Irgendwo dazwischen ziehen die Red Rebels durch die Menge, stumm, in roten Roben. Auch das eine Form, sich Gehör zu verschaffen, ohne ein einziges Wort.




Je langsamer die Politik reagiert, desto stärker rücken die Verursacher und Profiteure in den Fokus. Aus der Klimafrage wird eine Systemfrage. Nicht mehr nur „die Politik" soll handeln, sondern die, die am fossilen Geschäft verdienen. Siemens soll für einen vergleichsweise winzigen Auftrag die Signaltechnik für eine australische Kohlemine liefern und wird vor seiner Hauptversammlung an der Olympiahalle zur Zielscheibe. BlackRock, der größte Vermögensverwalter der Welt, steht sinnbildlich für jene, die die fossile Wirtschaft finanzieren. Und die eigene Stadt steckt mittendrin: Über die Stadtwerke ist München an einem Konzern beteiligt, der in der Nordsee Öl und Gas fördert, während dieselbe Stadt 2019 den Klimanotstand ausgerufen hat. Der Protest wird konkreter. Und unbequemer.


Members of Fridays for Future, Extinction Rebellion and other environmental groups demonstrate in front of Siemens headquarters in Munich against the company's decision to support coal mining in Australia.
One of the largest coal mines in the world is to be built in Australia. The CO2 emissions caused by the coal to be mined there would be about four times as high as the emissions of the whole of Australia.
Despite fierce protests, Siemens has decided to help with this project (...) and make this incredible destruction of the environment possible in the first place...
Translated with www.DeepL.com/Translator (free version) (Foto: Thomas Vonier ZUMA Press)


Dann kommt Corona, und die Bewegung steht ausgerechnet vor ihrem eigenen Argument. Wer fordert, auf die Experten zu hören, kann schlecht zu Tausenden auf die Straße gehen, wenn die Wissenschaft genau davon abrät. Demonstrationen sind verboten. Was bleibt, ist der Einzelne. Auf der Prinzregentenstraße protestiert einer ganz allein, mit Bollerwagen und buntem Rauch, weil mehr nicht erlaubt ist. Ein stilles, fast trotziges Bild. Aus dem Aufbruch ist Frust geworden.

Je länger sich nichts bewegt, desto mehr verschiebt sich, was als angemessen gilt. Im Mai 2021 besetzen Aktivist:innen den Forst Kasten bei Neuried. Für einen geplanten Kiesabbau sollen dort rund 10.000 Bäume fallen. Sie bauen Plattformen in die Baumkronen und wollen notfalls monatelang ausharren; die Polizei verhindert nachts, dass daraus richtige Baumhäuser werden. Wochenlanger, gewaltfreier Widerstand.


Im Herbst dann die Proteste gegen die IAA, die internationale Automobilausstellung. Und es zeigt sich: Geht es um des Deutschen liebstes Kind, den Verbrenner, reagiert der Staat mit voller Härte. Rund 4.500 Polizeikräfte sichern die Messe. Menschen seilen sich über der A96 ab, werden von Bäumen geholt, Schlagstöcke und Pfefferspray kommen zum Einsatz, auch gegen Journalist:innen. Schon zu Beginn kommen Aktivist:innen in Präventivgewahrsam, der in Bayern wochenlang dauern kann, während es anderswo Stunden sind. Über die Verhältnismäßigkeit wird bis heute gestritten. Die Aktionen werden körperlicher, die Reaktionen härter.



Anti IAA Demonstration. Verschiedene Umweltorganisationen treffen sich auf der Theresienwiese und schließen sich zu einem großen Demonstrationszug zusammen. Die Demonstration zieht durch die Stadt, vorbei am Königsplatz, einem der Open Spaces der IAA. Kurz hinter dem Königsplatz kommt der Demonstrationszug zum stehen. Die Polizei greift die Teilneher mit Tränengas und Schlagstöcken an. Zwei Demonstrationsteilnemer:innen sind auf Bäume geklettert um dort ein Transparent aufzuspannen.

Anti IAA Demonstration. Verschiedene Umweltorganisationen treffen sich auf der Theresienwiese und schließen sich zu einem großen Demonstrationszug zusammen. Die Demonstration zieht durch die Stadt, vorbei am Königsplatz, einem der Open Spaces der IAA. Kurz hinter dem Königsplatz kommt der Demonstrationszug zum stehen. Die Polizei greift die Teilneher mit Tränengas und Schlagstöcken an. Zwei Demonstrationsteilnemer:innen sind auf Bäume geklettert um dort ein Transparent aufzuspannen.

Die Polizei kesselt am Mittwoch Abend ca 30 vorwiegend junge Menschen im Odeonsplatz Zwischengeschoss.
Offizieller Grund ist nach Angabe eines verantwortlichen Polizeibeamten der Verdacht auf Schwarzfahren.
Mehr als 1,5 Stunden dürfen die Menschen weder den Openspace am Odeonsplatz betreten, noch zurück in die U-Bahn um nach Hause zu fahren.
Nach 1,5 Stunden werden die Festgehaltenen einzeln zur GeSa zur Personenkontrolle gebracht. Nach Aussagen von Betroffenen wurde dabei nicht nach Fahrkarten gefragt.


Anti IAA Demonstration. Verschiedene Umweltorganisationen treffen sich auf der Theresienwiese und schließen sich zu einem großen Demonstrationszug zusammen. Die Demonstration zieht durch die Stadt, vorbei am Königsplatz, einem der Open Spaces der IAA. Kurz hinter dem Königsplatz kommt der Demonstrationszug zum stehen. Die Polizei greift die Teilneher mit Tränengas und Schlagstöcken an. Zwei Demonstrationsteilnemer:innen sind auf Bäume geklettert um dort ein Transparent aufzuspannen.
Und dann kleben sie sich fest. Die Letzte Generation, deutschlandweit und in München in regelmäßigen Abständen, bei Sonne wie im Schneegestöber. Der Verkehr steht, und das Land diskutiert auf einmal erbittert, ob man sich überhaupt auf eine Straße kleben darf. Die Wut der Autofahrer ist groß. Auffällig viele haben plötzlich einen dringenden Krankenhaustermin. Das kommt vor und wäre dann tragisch, nur kaum bei jeder Blockade aufs Neue. Manche werden handgreiflich, um rechtzeitig an ihrem Schreibtisch zu sitzen. „Die wollen doch nur stören", den Satz hört man oft. Er übersieht, was davor war. Das Festkleben ist nicht der Anfang, sondern das vorläufige Ende einer langen Reihe: bunte Demos, stille Performances, ziviler Ungehorsam, besetzte Wälder, Appelle an Konzerne und an die eigene Stadt. Über Jahre wurde fast alles versucht. Wer sich am Ende auf den Asphalt klebt, tut das nicht aus Übermut, sondern weil nichts davon gereicht hat.

6 Aktivist:innen der Letzten Generation kleben sich im März an der Ampel Plinganserstraße Ecke Sylvensteinstraße auf die Straße und blockieren den Verkehr, der sich auf dem Mittleren Ring staut.


Klimaaktivist:innen blockieren die Sonnenstrasse vor dem Justizpalast am Karlsplatz Stachus in München.
Unter den Teilnehmern ist der Jesuiten Pater Jörg Alt, der sich wie auch ein weiterer Teilnehmer mit Sekundenkleber auf der Straße festklebt.
Unter den Teilnehmern sind auch mehrere Wissenschaftler. Zusammen protestieren sie für eine bessere Klimapolitik.
Nach 1,5 Std lösen Polizeibeamte die beiden Aktivisten von der Straße.

Im Bild: Wolfgang Metzeler-Kick. Er befindet sich seit dem 7.3.2024 im Hungerstreik in Berlin.
Im Bild: Wolfgang Metzeler-Kick. Er befindet sich seit dem 7.3.2024 im Hungerstreik in Berlin.
Unter dem Moto „Hungern bis ihr ehrlich seid“ geht der ehemalige Letzte-Generation-Aktivist Wolfgang Metzeler ab den 7. März, in Berlin in einen unbefristeten Hungerstreik. Der Grund: Die unzureichende Klimapolitik der Bundesregierung.
Heute ist es leiser geworden. Es wird weiter protestiert, aber die große Aufmerksamkeit ist weg, und viele, die früher vorn standen, haben sich zurückgezogen. Wo zu den großen Streiks die Straßen voll waren, stehen heute oft nur noch ein paar Dutzend. Was bleibt, sind die Bilder. Sie zeigen, wie sich der Protest in wenigen Jahren verändert hat: die Formen, die Stimmung, die Mittel. Eine Position beziehen sie nicht. Das überlassen sie dem, der sie ansieht.



















