Zwischen den Fronten – Arbeit als freier Fotojournalist

Es ist halb elf Uhr abends. Nach drei anstrengenden Tagen während der Sicherheitskonferenz in München liege ich endlich im Bett und habe mir fest vorgenommen, den nächsten Tag auf der Couch zu verbringen. Da klingelt das Telefon.

„Hey“, sagt mein Kollege, „es gibt morgen eine rechte Demonstration – aber sie dürfen nicht am ursprünglichen Ort protestieren. Eine Gegendemo ist schon angekündigt.“ Ich überlege kurz. Rechte die provozieren wollen, linke Gegendemonstranten, Polizei im Ausnahmezustand wegen der Konferenz. Das kann unruhig werden.

Ich stehe auf und packe den Rucksack neu. Akkus aufladen, Speicherkarten formatieren, Objektive checken. Es ist Winter, also warme Kleidung, gute Schuhe. Dazu Schutzbrille und Helm – Standardausrüstung bei Demonstrationen wo die Lage kippen kann. Kein Drama, einfach Vorbereitung.

Am Morgen

Den nächsten Morgen beginne ich mit Recherche. Beide Seiten haben ihre Social-Media-Kanäle. Ich lese Aufrufe, Kommentare, Termine. Die Stimmung wirkt noch relativ kontrolliert – aber das kann sich schnell ändern. Ich notiere Namen und Gesichter bekannter Politiker damit ich sie später erkenne. In der Bahn verfasse ich Vorlagen für Bildunterschriften – die brauche ich später wenn es schnell gehen muss.

Ankunft am Demo-Ort

Gegen Mittag komme ich an. Die Gegendemo ist größer als erwartet, die rechte Versammlung dagegen überschaubar. Polizisten sind bereits postiert, Absperrgitter aufgestellt. Ich bleibe zunächst am Rand um mir ein Bild zu machen: Wie groß ist das Aufgebot? Welche Zugänge sind offen? Wie nah komme ich an die Kundgebung heran?

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Hunderte Menschen, aus dem bürgerlichen Lager, stellen sich mit einer Gegenkundgebung einem Versuch der AfD entgegen, die die Opfer des Anschlags auf eine Gewerkschaftsdemonstration am vergangenen Donnerstag für ihre rassistische Hetze missbrauchen wollten.

Dann beginne ich nach einem festen Muster: Übersichtsaufnahmen vom Umfeld, dann die Menge, dann Details. Transparente, Schilder, Gesichter. Der Kontext muss erkennbar sein – Betrachter sollen später verstehen wo und in welchem Rahmen die Bilder entstanden sind.

Ich spreche zwischendurch mit Gegendemonstranten. Einige kenne ich vom Sehen, manche auch mit Namen. Es ist wichtig dass sie wissen wer ich bin und was ich tue. Gerade wenn ich Portraits machen will frage ich immer erst – das ist eine Frage des Respekts, und ohne Einverständnis geht es ohnehin nicht.

Ich bin nicht der einzige Journalist. Ein kurzes Winken, ein paar Worte. „Ist schon was passiert?“ – „Noch nichts.“ Eigentlich sind wir Konkurrenten – ein Motiv verkauft sich nur einmal. Aber in solchen Situationen tauscht man trotzdem Informationen aus. Man weiß dass jeder hier seinen Job macht, und im Ernstfall ist es gut zu wissen wer neben einem steht.

Ich wechsle zur abgesperrten rechten Versammlung. Die Polizei kontrolliert den Zugang – Presseausweis zeigen, passieren. Innerhalb des Gitters nur wenige Menschen – ein Bundestagsabgeordneter, einige Landtagsabgeordnete, die üblichen Gesichter die man auf solchen Veranstaltungen kennt.

Kaum bin ich auf der Fläche werde ich abfotografiert. Einschüchterungsversuch. Ich arbeite weiter.

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Hunderte Menschen, aus dem bürgerlichen Lager, stellen sich mit einer Gegenkundgebung einem Versuch der AfD entgegen, die die Opfer des Anschlags auf eine Gewerkschaftsdemonstration am vergangenen Donnerstag für ihre rassistische Hetze missbrauchen wollten.

Innerlich ist es schwierig neutral zu bleiben. Meine Sympathien liegen klar bei denen die sich gegen rechte Ideologien stellen. Aber ich bin hier um zu dokumentieren was passiert – nicht um Teil der Veranstaltung zu werden. Das ist der Job.

Als Transparente verteilt werden beginne ich erneut: Übersichten, Nahaufnahmen der Schilder, Portraits der Redner. Die Gegendemonstration nähert sich dem Gitter. Rufe, Pfiffe, Sprechchöre. Die Polizei positioniert sich neu – noch locker, aber spürbar aufmerksamer. Ich verlasse den abgesperrten Bereich.

Kaum draußen knallt mir ein Regenschirm vor die Linse. Ein Demonstrant hält mich offenbar für einen der rechten Streamer. Umstehende klären die Situation auf. Kurzer Austausch, Entschuldigung, weiter. Solche Momente passieren – die Leute sind emotional aufgeladen und ein Pressefoto-Sticker am Rucksack macht einen nicht automatisch erkennbar.

Eine Entscheidung treffen

Die Lage bleibt statisch. Es ist kalt, die Reden ziehen sich. Ich überlege schon heimzufahren – da taucht ein Kollege auf. „Der Abgeordnete soll mit ein paar Leuten zum ursprünglichen Ort wollen. Die meisten Rechten bleiben hier damit die Polizei abgelenkt ist.“

Also keine Heimfahrt. Wir rätseln: Hier bleiben und warten? Oder direkt vorfahren? Wir entscheiden uns vorzufahren. Manchmal muss man spekulieren. 95% der Zeit ist Warten und Beobachten – aber in den restlichen 5% muss man schnell reagieren. Wer dann erst überlegt hat das Bild schon verpasst.

Am Gedenkort liegen Blumen, Kerzen, Menschen trauern still. Andere Kollegen fotografieren – das ist legitim, jeder entscheidet das für sich. Ich bleibe im Hintergrund. Diese Menschen wollen einen Moment der Stille, nicht in Objektive starren.

Allmählich kommen mehr Menschen aus dem linken Lager. Die Polizei ist mit einem Streifenwagen präsent. Ich warte.

Dann sehe ich sie: Eine Gruppe um den Bundestagsabgeordneten taucht in der Ferne auf. Die Trauernden haken sich unter und bilden eine Menschenkette rund um den Gedenkort.

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Menschen haben Blumen und Kerzen in der Nähe des Tatortes niedergelegt
Die AFD versucht am Platz an dem die Menschen um die Opfer Trauer und gedenken Blumen nieder zu legen. Spontan bilden die anwesenden Menschen eine Menschenkette und lassen die rechten Politiker und AFD Mitglieder an die Gedenkstelle.
Die Polizei braucht lange bis sie vor Ort ist und die Lage mehr oder weniger kontrolliert.
Einzelne AFD Menschen allen voran Stephan Protschka MdB versuchen die Kette mit Gewalt zu durchbrechen. Später versucht er es auch mit Gewalt durch die Polizeikette.
Nach langen Warten einigen sich die AFDler und legen die Blumen die vorher am Königsplatz verteilt wurden auf eine Hecke abseits des Tatortes.

Der Abgeordnete läuft auf die Kette zu, lässt sich theatralisch zurückfallen, beschwert sich lautstark. Klick. Er versucht es erneut. Klick. Wortgefechte, eine kurz überforderte Polizei, schließlich Rückzug. Die Rechten legen ihre Blumen in einem benachbarten Gebüsch ab und gehen.

Die eigentliche Arbeit beginnt danach

Ein paar letzte Bilder – Portraits, Übersichten von den Menschen die geblieben sind. Dann Abschied von den Kollegen. Im Gehen notiere ich Namen, Situationen, Schlagworte – alles was ich gleich am Rechner brauche.

Zuhause importiere ich rund 1500 Bilder. Verwackelte und doppelte fliegen zuerst raus. Dann Metadaten: Datum, Ort, Schlagworte. Nur so können Redakteure finden was sie brauchen. Ein perfekt komponiertes Foto ist wertlos wenn es in der Datenbank nicht auffindbar ist.

Belichtung anpassen, Weißabgleich korrigieren, Bildbeschreibungen schreiben. Dann Upload. Erst danach kann ich abschalten.

Was diese Arbeit ausmacht

Meistens steht man herum, beobachtet, wartet. In den Momenten in denen wirklich etwas passiert muss man reagieren – da bleibt keine Zeit über Kameraeinstellungen nachzudenken. Man arbeitet intuitiv. Die Aufgabe ist es Bilder zu finden die eine Situation so klar wie möglich zeigen.

Gerade bei politischen Themen ist Neutralität das Handwerk. Ich bin nicht immer perfekt darin – aber ich versuche beide Seiten zu zeigen, soweit ich das vor mir selbst vertreten kann. Das ist keine Heldentat. Das ist der Job.

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