Anschlag in München – mein schwierigstes Foto

Am 13. Februar 2025 fährt in München ein Fahrer seinen Mini gezielt in die Menschenmenge am Ende einer sich fortbewegenden Demonstration. 44 Personen werden teils schwer verletzt. Eine Mutter und ihr zweijähriges Kind sterben zwei Tage später an ihren Verletzungen.

Ich erfahre davon über eine Nachricht: „Warst du dort?“ – Nein. Ich hatte die Demo nicht auf dem Schirm. Zu alltäglich schien sie, zu vorhersehbar. Erst die Bilder in den sozialen Netzwerken zeigen mir, was passiert ist: Chaos, Fassungslosigkeit, Trümmer. Und zu viele Kameras.

Ich fahre nicht sofort hin. Zu viele Menschen, zu viel Panik, zu viele, die nur gaffen wollen. Ich hasse das. Ich wollte kein weiterer Fotograf sein, der zwischen Blaulicht und Blut nach einem Motiv sucht.

Am Nachmittag gehe ich doch. Als Fotograf ist es auch meine Aufgabe Zeitgeschehen zu dokumentieren. Die Straße ist abgesperrt, still. Nur noch Spuren, Absperrband, Kreidemarkierungen. Das Auto steht noch da. Zwischen Splittern und Schuhen liegen Transparente, Fahnen, Rettungsdecken. Vor dem Band: erste Blumen, Kerzen, Zettel.

Ich stehe da und frage mich, ob ich überhaupt ein Recht habe, hier zu sein. Kann ein Bild das in so einer Situation entsteht irgend etwas bewirken? Ich weiß es bis heute nicht. Ich habe angefangen zu fotografieren.

Dann sehe ich den Kinderwagen. Zusammengeklappt, halb im Schatten, halb im Licht. Kein Mensch im Bild, kein Blut, keine Gesichter. Nur dieser Kinderwagen, auf nassem Asphalt, vor einer orangefarbenen Wand. Ein stilles Zeugnis dafür, wie zerbrechlich alles ist. Und vielleicht genau deshalb das schwerste Foto, das ich je gemacht habe.

 

Video von Josef Häckler zur Preisverleihung

Dies Bild hat in der Kategorie Tagesaktualität den 1. Platz beim Pressefoto Bayern gewonnen.

Das Urteil der Jury:
„Ein kaputter Kinderwagen, Rettungsdecken, ein Schuh, Warnwesten, Tatortkärtchen. Unscharf im Hintergrund: Absperrband, zwei Polizeibeamte, eine rote Bretterwand. Das Rot spiegelt sich bedrohlich in den Pfützen – eine Vorahnung dessen, was später klar wird: Mutter und Kind überleben nicht. Eine stille Aufnahme, erschütternd und präzise. Hier zeigt sich die gesellschaftliche Verantwortung der Pressefotografie. Kein schönes Bild, aber ein notwendiges.“